Retraumatisierung verstehen: Der Umgang mit Wunden in Beziehungen

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Beziehung mit alten Wunden

Inhalte dieses Blogartikels

1. Einleitung

2. Was ist Retraumatisierung?

3. Bindungs- und Entwicklungstrauma

4. Symptome und Auswirkungen

5. Wege der Gesundung

6. Prävention im Alltag

7. Schlussgedanken


Unsere Vergangenheit begleitet uns – manchmal auf sanfte Weise, manchmal mit schwerem Gepäck. Besonders Bindungs- und Entwicklungstraumata können uns tief prägen und in alltäglichen Situationen unvermittelt aufschimmern. In diesem Artikel beleuchte ich, was Retraumatisierung bedeutet, wie sie sich äußern kann und wie wir uns selbst und andere darin unterstützen können, diese Momente zu erkennen und ihnen heilsam zu begegnen.

Ich kann aus eigener Erfahrung darüber berichten, welchen großen Effekt eine Retraumatisierung haben kann. Es machte in meinem Erleben zuletzt einen riesigen Unterschied, als mir bewusst wurde, dass das, was mich retraumatisiert hat, eine alte Wunde berührt hat.

Durch dieses Aufeinandertreffen von Triggern, welche ähnlich den Ursachen für mein Trauma waren, wurde eine Kaskade in meinem Nervensystem ausgelöst. Eine Kaskade der Bedrohung. Diese Bedrohung war aber nicht mit dem Hier und Jetzt verbunden, sondern mit dem ehemals Erlebten.

Auf keinen Fall soll das heißen, dass es keine realen Bedrohungen geben kann, die uns retraumatisieren können. Nur in diesem Blogartikel geht es um das Erleben und Verarbeiten von Bedrohungen, welche nicht im Hier und Jetzt ihren Ursprung haben.

Das, was es dabei so schwer macht, sich selbst dabei korrekt einzuordnen, ist, dass die körperlichen Reaktionen und die Geschichte, die uns unser Verstand erzählt, uns sagen, dass die Bedrohung im Hier und Jetzt stattfindet. Es geht um Identifizierung und Wiedererleben der alten und bekannten Ohnmacht.

Wenn wir es durch Wissen und Erfahrung schaffen, einen innerlichen Abstand dazuzubekommen, sei er noch so klein, können wir anfangen, die Geschichte neu zu schreiben. Denn so schlimm sich eine Retraumatisierung auch anfühlen mag, es ist auch eine Chance auf Gesundung der alten Wunde.

Mir wurde durch meine eigene Retraumatisierung bewusst, welche Mechanismen dazu beitrugen. Welche Traumata bislang nicht integriert sind und ich mit Unterstützung und Selbstmitgefühl hinschauen darf. Und es gibt einen Weg, meinen persönlichen Weg, der mich zu diesem Bewusstsein geführt hat. Jeder Weg ist einzigartig und individuell, auch deiner!

Wissen ist ein großer Bestandteil und der Zweite, den Mut für Beziehungen aufgebracht zu haben. Bestärkende und wohlwollende Beziehungen, in denen ich Neues erleben darf und neue Bahnen in meinem Gehirn angelegt werden. Ein Weg mit Hochs und Tiefs, den ich immer stabiler halten kann.


Retraumatisierung bezeichnet den Zustand, in dem eine Person durch bestimmte Reize oder Situationen an frühere traumatische Erlebnisse erinnert wird und dabei erneut intensive emotionale oder körperliche Belastungen erlebt. Es ist, als würde die Vergangenheit wieder lebendig – oft so intensiv, dass es den aktuellen Moment überschattet.

Im Kontext von Bindungs- und Entwicklungstrauma geschieht dies häufig durch Trigger, die mit den ursprünglichen Erfahrungen verknüpft sind, etwa durch:

  • Tonalität oder Körpersprache: Ein harscher Ton oder ein kalter Blick können alte Erinnerungen an Ablehnung wachrufen.
  • Unberechenbarkeit: Unvorhergesehene Änderungen oder Konflikte können ein Gefühl von Kontrollverlust und Angst auslösen.
  • Verlust von Verbindung: Situationen, in denen Menschen sich abgelehnt, allein gelassen oder nicht gesehen fühlen, können vergangene Bindungsbrüche schmerzhaft hervorrufen.

Bindungstrauma entsteht meist in der frühen Kindheit, wenn die emotionale und körperliche Sicherheit durch primäre Bezugspersonen verletzt wird. Entwicklungsbedingte Traumata gehen darüber hinaus und umfassen das wiederholte Erleben von Unsicherheit, Vernachlässigung oder emotionaler Verletzung während entscheidender Entwicklungsphasen.

Diese Erfahrungen hinterlassen Spuren, die unser Nervensystem „sicher“ oder „gefährlich“ interpretieren kann. Die unbewusste Prägung führt dazu, dass wir später oft auf harmlose Reize überreagieren, als ginge es um unser Überleben.

Retraumatisierung ist subtil und individuell. Häufige Anzeichen können sein:

  • Emotionale Überwältigung: Plötzlich auftretende Angst, Wut, Trauer oder Ohnmacht.
  • Dissoziation: Gefühl von innerer Taubheit oder Abwesenheit.
  • Körperliche Symptome: Herzrasen, Schweißausbrüche, Atemnot oder Übelkeit ohne klare Ursache.
  • Wiederkehrende innere Dialoge: Selbstkritik, Schuldgefühle oder Gedanken, „nicht gut genug“ zu sein.

In diesen Momenten agiert das Nervensystem im Überlebensmodus, wobei das Denken oft eingeschränkt ist.

Es gibt keine schnelle Lösung, doch kleine Schritte können langfristig viel bewirken:

  1. Erkennen und Benennen
    Achtsamkeit ist der erste Schritt. Wenn wir bemerken, dass wir retraumatisiert sind, können wir uns selbst sanft sagen: „Ich bin sicher. Ich erlebe gerade eine Erinnerung, nicht die Gegenwart.“
  2. Atemtechniken, Tapping, Grounding
    Ein bewusster Atem oder das Fokussieren auf den eigenen Körper können helfen, sich wieder mit dem Hier und Jetzt zu verbinden. Beispiele:
  • Langer Ausatem: Einatmen für vier Sekunden, Ausatmen für sechs Sekunden.
  • Schmetterlingsumarmung: Arme überkreuzen, wie bei der Selbstumarmung, und sich links, rechts tappen.
  • Füße auf dem Boden spüren: Mit den Füßen aufstampfen oder das Gewicht und die Verbindung wahrnehmen.
  1. Sichere Beziehungen aufbauen
    Bindungstrauma heilt durch Bindung. Ein einfühlsamer Zuhörer oder Therapeut kann helfen, die Vergangenheit mit neuen Erfahrungen zu überschreiben.
  2. Kleine Schritte in Selbstfürsorge
    Ein beruhigender Tee, eine Decke oder eine vertraute Melodie können einfache, aber kraftvolle Hilfsmittel sein. Auch bewusst den Kontakt zu einer vertrauten Person aufzunehmen kann helfen.
  3. Professionelle Unterstützung suchen
    Traumatherapeut*innen, Traumafachberater*innen oder Coaches, die mit Methoden wie Somatic Experiencing® nach Peter Levine oder der Polyvagal-Theorie nach Stephen Porges arbeiten, können auf dem Weg unterstützen.

Um Retraumatisierung vorzubeugen oder ihren Einfluss zu minimieren:

  • Sich selbst kennenlernen: Was triggert mich? Wie reagiere ich? Wie funktioniert mein Nervensystem bei Stress?
  • Ressourcen stärken: Positive Erfahrungen bewusst aufbauen und abspeichern.
  • Langsam vorgehen: Besonders in Beziehungen – Ehrlichkeit und Geduld schaffen Vertrauen.
  • Mitgefühl üben: Sowohl mit sich selbst als auch mit anderen. Wir alle tragen unser unsichtbares Gepäck.

Retraumatisierung ist ein Teil der Reise – kein Makel, sondern ein Hinweis darauf, wo wir Entlastung brauchen. Bindungs- und Entwicklungstrauma zu verstehen und ihm mit Mitgefühl zu begegnen, öffnet Türen zu mehr innerem Frieden und authentischer Verbindung.

Indem wir lernen, unsere Wunden anzuerkennen und uns Schritt für Schritt in Sicherheit zu wiegen, bauen wir nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Mitmenschen ein Netz der Gesundung.

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