Präsenz und Schutzmechanismen
Gerade bei einem dysregulierten Nervensystem ist „im Körper sein“ kein neutraler Zustand, sondern oft mit Gefahr verknüpft. Wer lebensbedrohliche Situationen, Gewalt oder anhaltenden Stress erlebt hat, hat gute Gründe, den Körper als unsicheren Ort zu empfinden. Dissoziation ist dann kein „Fehler“, sondern eine zutiefst sinnvolle Überlebensstrategie, die einst geschützt hat.
In diesem Kontext darf Präsenz nicht als Pflicht oder Ziel verstanden werden, das es zu erreichen gilt, sondern als Möglichkeit, die sich vorsichtig öffnen darf – oder auch nicht, wenn es gerade zu viel wäre.
Zarte Schritte zurück ins Spüren
Wieder in Kontakt mit dem Körper zu kommen, ist für traumatisierte Nervensysteme ein hochsensibler Prozess. Er braucht:
• eine klare innere Entscheidung: „Ich möchte mich langsam annähern.“
• ein Tempo, das sich sicher anfühlt – manchmal nur wenige Sekunden Wahrnehmung, bevor es wieder in Distanz geht.
• eine Haltung ohne Druck, Zwang oder Bewertung, wenn es (noch) nicht gelingt.
Präsenz zeigt sich dann nicht in dauerhafter „Bewusstheit“, sondern in kleinen, pendelnden Bewegungen: ein Moment von Spüren, ein Moment von Rückzug, wieder ein Moment von Kontakt. Dieses Hin-und-Her zwischen Kontraktion und Entspannung ist kein Rückschritt – es ist die eigentliche Heilungsbewegung.
Rolle der Kampfkunst
Kampfkunst kann hier ein wertvoller Wegbegleiter sein – wenn sie traumasensibel verstanden und vermittelt wird. Strukturierte Bewegung, klare Formen, Kontakt zum Boden und ein Rahmen von Achtsamkeit können helfen, sich dem Körper behutsam wieder anzunähern.
Wichtig ist, dass Lehrende über Nervensystemwissen und traumasensible Haltung verfügen. Fehlt dieses Bewusstsein, besteht die Gefahr, dass alte Muster unbewusst wiederholt werden: Überforderung, Grenzverletzungen, „Durchbeißen“, Funktionieren statt Spüren. Dann verstärkt sich das, was sich eigentlich wandeln sollte.
Einladung ohne Druck
Präsenz im Körper darf für traumatisierte Menschen eine Einladung bleiben, kein Auftrag. Es ist ein Weg, der immer wieder unterbrochen werden darf, der Rückschritte kennt und Pausen braucht. Jede noch so kleine Erfahrung von „ein bisschen spüren und trotzdem sicher bleiben“ ist ein Schritt in Richtung mehr Bewusstsein – und genau darin liegt das leise, tiefgreifende Potenzial von Achtsamkeit und verkörperter Praxis.

